Rund
um die Ortlergruppe
Wir fahren talauswärts bis Prad - dort besteht die Möglichkeit, die
Tanks zu füllen. Der Weg führt uns dann durch die Apfelplantagen des
Vinschgaus bis nach Meran. Leider ist dieser Streckenabschnitt sehr verkehrsreich,
doch mit dem Motorrad kann man sich eh besser durchmogeln - zumal in Italien
'Straftaten' wie 'am Stau vorbeischlängeln', 'durchgezogene
weiße Linie überfahren' oder 'immer 20 km/h schneller als
erlaubt unterwegs sein' nicht so drastisch geahndet werden wie in unseren
Nachbarländern.
Von der Meraner Umfahrungsstraße biegen wir

rechts
nach Lana ab. Jetzt beginnt das wahre Vergnügen, denn die Auffahrt zum
Gampenjoch läßt mit ihrem guten Belag und der kurvigen Streckenführung
jedes Bikerherz höher schlagen. Mit der Passhöhe verläßt
man Südtirol und gelangt in die Provinz Trient, d.h. Ende der zweisprachigen
Straßenschilder (der Gampenjoch heißt ab sofort 'Passo Palade').
Ab Fondo schlängelt sich die Straße durch die verschiedenen Ortschaften
bis zum Fuße des Tonalepasses, der schon frühzeitig ausgeschildert
ist. Achtung: an den Ortseinfahrten sind sogenannte 'intelligente Ampeln'
aufgestellt - fährt man schneller als 50 km/h, schalten sie auf rot.
Mit der Anfahrt zum Tonalepass beginnt nun ein Kurvenreigen der besonderen Art,
folgen doch unmittelbar darauf mit dem Gaviapass und dem Stilfser Joch zwei der
höchsten Alpenpässe. Der Tonalepass selber kann sehr zügig gefahren
werden, die Straße ist gut ausgebaut.
Ganz anders der Gaviapass. Ab Ponte di Legno beginnt eine teils einspurige (bis
vor 3 Jahren noch geschotterte),

abenteuerliche
Bergfahrt bis zur Passhöhe auf 2621m. Abenteuerlich deshalb, weil die Straße
teilweise so eng ist, daß ein Motorrad und ein PKW nicht nebeneinander
Platz haben, weil die Straße dazu noch unübersichtliche Kehren hat
und weil das Licht-Schatten-Spiel des Gebirgswaldes die Einsicht nicht unbedingt
erleichtert. Abenteuerlich auch deshalb, weil man jederzeit an einer heiklen
Stelle vor mehreren, entgegenkommenden Campern (die Italiener kann man in dieser
Hinsicht sicher mit den Holländern vergleichen) stehen kann, deren Fahrer
mit Schweißperlen auf der Stirn nicht imstande sind, auch nur einen Meter
rückwärts zu fahren. Trotzdem ist der Gaviapass an Attraktivität
und Einzigartigkeit nicht zu überbeiten.
Auf der Passhöhe befindet sich ein kleiner Bergsee und eine Wirtschaft,
wo man guten Cappuccino trinken kann. Die Abfahrt ist wiederum besser ausgebaut
- mit der Ortschaft St. Caterina Valfurva erreicht man wieder die Zivilisation.
Von dort ist es nicht weit bis Bormio, dem Ausgangspunkt der 1825 erbauten Straße
auf das Stilfser Joch. Heikle Stellen der Südrampe sind vor wenigen Jahren
entschärft und der Belag erneuert worden, sie läßt sich deshalb
prächtig befahren. Einzig in den teils einspurigen, nicht beleuchteten
Tunnels ca. auf halber Höhe ist Vorsicht geboten.
Nach ca. ½ Stunde erklimmt man die Passhöhe und ein gewaltiges Panorama
Richtung Ortler (3905 m) und schroffe Abgründe Richtung Trafoi-Tal lassen
einem unweigerlich eine Pause einlegen.
Einzigartig, wie sich die 48 Kehren hinunterschlängeln, wie die Trasse
der Straße in die Landschaft integriert ist.
Nun das letzte Stück - 15 km Abfahrt nach Trafoi ins Hotel Tannenheim.
Schlechter, durch die vielen Baustellen staubiger Asphalt, Schlaglöcher,
eine monotone Spitzkehre nach der anderen, heiße Bremsen, schmerzende
Hände. Und trotzdem - fahrerische und technische Herausforderung, Landschaft,
Panorama, Höhe, Alpenrosen, Murmeltiere und die Gewissheit, daß gleich
ein kaltes Bier auf der Terasse steht, lassen alles andere vergessen.
Zum Wohl!
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