Über
sieben Pässe
Nach dem bekannten Anstieg über die 48 Spitzkehren zum Stilfser Joch samt
Zigarettenpause führt uns die Route ca. 5 km talabwärts Richtung Bormio.
An der sogenannten 4. Cantoniera, einer inzwischen verwahrlosten, halbverfallenen
Strassenwärterfestung aus vergangenen Tagen, biegen wir rechts ab zum Umbrail-Pass
und überqueren unmittelbar darauf die italienisch-schweizerische Grenze
(Kontrollen möglich, da EU-Außengrenze). Die Talfahrt ist gekennzeichnet
von holprigem Asphalt im oberen Streckenabschnitt und engen, unübersichtlichen
Kehren im unteren. Das wahre Charakteristikum des Umbrail-Passes ist aber die
ca. 2 km lange, geschotterte Passage auf halber Strecke, geliebt von den Enduristen,
verschmäht von den R1- oder Hayabusapiloten...

Im
urigen Örtchen St. Maria angekommen, geht´s linkerhand durch die
enge Ortsdurchfahrt zum Ofenpass. Nach der letzten Ortschaft (Tschierv) wird
das Tempo ob der geringen Wahrscheinlichkeit einer Polizeikontrolle etwas verschärft,
denn der Ofenpass lässt sich zügig befahren. Die Passhöhe eignet
sich wieder für die nächste Zigarettenpause. Die Abfahrt nach Zernez
führt uns durch den Schweizer Nationalpark. Da hier nicht auf- oder abgeforstet
wird und umgefallene Bäume einfach so daliegen, hat man den Eindruck, mitten
in der kanadischen oder skandinavischen Wildnis zu sein. Die Straße ist
aber tipp top gepflegt.
Von Zernez geht´s in Richtung St. Moritz, dem mondänen Skiort, den
wir aber rechterhand liegen lassen, um die Auffahrt zum Berninapass in Angriff
zu nehmen. Obwohl in der Schweiz auf Landstraßen nur 80 km/h erlaubt sind,
können wir uns auf dieser super angelegten Bergstraße mit ihren weitläufigen
Kehren nicht beherrschen und lassen es so richtig 'fliegen'.
Die Kaffeepause genießen wir auf der Terasse einer Wirtschaft, wenige
Meter entfernt vom Gletscher-Eis des Berninamassivs - die Biker kreuzen sich
hier mit den Skitourengehern und Alpinisten...
Die nächsten 30 km bringen uns vom Gletscher in die Palmen und Weinberge,
von 2300 m Meereshöhe auf 400 m nach Tirano, von der Schweiz wieder nach
Italien. Wir befinden uns hier in der Lombardei, im Veltin (Veltliner Weine)
- eine gute Gelegenheit, zu Mittag zu essen. In der Gartenlaube einer Pizzeria
stärken wir uns für die Weiterfahrt.
An dieser Stelle erinnere ich mich gerne an den Spruch eines mitfahrenden Bikers,
der da sagte (zurückgelehnt in seinem Gartenstuhl den vollen Bauch reibend):
'Ach, ich wüsste jetzt 100 Dinge, die schöner sind als Motorrad
fahren. Doch ich weiß genau, in der ersten Spitzkehre ist das wieder anders...'

Weiter
geht´s nach Grosio, dem Ausgangspunkt zum Passo di Mortirolo. Dieser hat
es in sich. Zwar alphaltiert, aber einspurig, bis zu 18% Steigung, teilweise
ohne Beschilderung. Aber mit herrlicher Naturkulisse (Panoramablick Richtung
Comosee). Dasselbe gilt dann für den nachfolgenden Gaviapass (einspurig,
unübersichtliche Streckenabschnitte, Rüttelasphalt, herrliches Panorama),
nur spielt sich alles einige Höhenmeter darüber ab: der Mortirolo
ist 1800 m hoch, der Gaviapass 2600 m.
Die Abfahrt nach St. Caterina (Heimatort der Skirennläuferin

Deborah
Compagnoni) ist dann wieder breiter und schnell erreichen wir Bormio. Die nun
folgende Auffahrt zum Stilfser Joch genießen wir in vollen Zügen,
finden wir doch eine frisch asphaltierte Straße vor. Spitzkehren wechseln
sich mit flüssigen Passagen ab. Einzig in den unbeleuchteten Tunnels ist
Vorsicht geboten. Auf der Passhöhe angekommen, genießen wir den herrlichen
Ausblick auf die Gletscherwelt des Ortlermassivs, das durch die längeren
Schatten der Nachmittagssonne noch schroffer erscheint.
Genüsslich fahren wir ab nach Trafoi und beenden eine wundervolle Tour.
Eine Tour der Pässe, der Regionen (Südtirol, Lombardei, Schweiz),
der Sprachen (Deutsch, Italienisch, Rätoromanisch) und der Täler (Vinschgau,
Münstertal, Engadin, Puschlavtal, Valtellina, Valfurva).
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